Verantwortungsbewußtsein

In einer natürlich gegliederten Menschengruppe wird sich, wenn diese eine gemeinsame Aufgabe zu erfüllen hat oder ein gemeinsames Vorhaben durchführen will, immer einer herausheben, der die Leitung des Unternehmens oder der beabsichtigten Arbeit übernimmt. Dieser kann gewählt werden; es kann aber auch sein, daß er sich aus der größeren Sachkenntnis oder aus dem unausgesprochenen Vertrauen der Mitarbeiter ergibt. Dieser Einzelne, den das Vertrauen der Gruppe erhält und beauftragt, handelt für seine Gefährten stellvertretend und ist – zunächst – der Erste unter Gleichen. (Primus inter pares)

Er wird mit einem stärkeren Gefühl der Verantwortung ausgestattet sein und muß die gemeinsamen Interessen seiner Gewährschaft übernehmen und vertreten.

In fast allen Lebensbereichen, wo noch gewachsene und natürliche Verhältnisse und Bindungen herrschen, ist das Verantwortungsbewußtsein das maßgebende Kennzeichen solcher Menschen. Nur wo Funktionäre von ihrer Partei um des äußeren Ansehens willen in ihren Verfügungen und Taten gedeckt werden, tritt an die Stelle des Eigengewissens die Rücksicht auf die Ideologie: Reklame und Prestige.

Verantwortungsbewußtsein ist also die hohe Eigenschaft des natürlichen Führers einer Gruppe. In echten Jugendbünden sind solche Menschen immer aus der Menge der Gefolgsleute emporgetaucht, kraft ihrer besonderen Fähigkeiten und kraft des Vertrauens, das sie genießen.

(Daß hierbei auch Irrtümer vorkommen, sei nicht vergessen. Dann aber trägt die wählende Menge für eine falsche Wahl die Verantwortung.)

Der verantwortlich handelnde, leitende und führende Mensch einer Gruppe oder Gemeinschaft kann aber nicht nur schlechthin ein Vertreter sein, das heißt als ein beliebiges gewähltes Durchschnittsglied dieser Gesellschaft, sondern er muß ein Stück weitersehen können als die gewöhnlichen Angehörigen des Kreises, erwarten diese von ihm doch die Förderung ihrer Interesse oder Ziele. Er muß auch sozusagen eine Summe von menschlichen Möglichkeiten und Eigenschaften verkörpern, ein Mehr oder Tiefer an Einsicht und Erfahrung, an Weitblick und auch Fähigkeit und Stärke des Willens, die für alle angestrebten Ziele durchzusetzen.

Solche Menschen finden sich bei natürlicher Wahl in echten Volkskreisen immer seltener, sie werden heute normalerweise durch die oben erwähnten Funktionäre ersetzt, die von vornherein gebunden sind an bestimmte Partei- und Organisations-Verpflichtungen. Diese können nicht frei handeln, sie haben nicht das persönliche Gewissen und die letzte eigene Verantwortung zum Richter und Gesetz ihres Tuns, sondern einen – noch dazu meist bezahlten – Auftrag, von dem sie abhängig sind. Sie sind also im Grunde das Gegenteil natürlicher und echter Volksvertretung.

Wir meinen aber mit Führer und Leiter diejenigen, welche aus der freien Wahl ihrer Gemeinschaft als die vertrauenswürdigen Vertreter der Gesamtbelange hervorgehen und die diese uneigennützig zum Wohle und zur ausgreifenden Verwirklichung der Ziele und Ideen ihres Bundes fördern und Vertreten. Echtes Verantwortungsgefühl setzt als die Befragung des eigenen Gewissens voraus. Wenn die Ergebnisse solcher Gewissenerfragung und die daraus hervorgehenden Entschlüsse und Leistungen der Gemeinschaft entsprechen, werden die Leiter und Führer immer eine gute Mehrheit für ihr Tun finden.

Wenn sie sichtbar Wesen und Ziele der Gruppe fördern und verwirklichen, werden sie geachtet und geehrt sein, im Sinne artgemäßer Wertbegriffe und echter Volksführung.

Quelle:

Lebenswissen – Natürliches Weltbild, Dr. Wilhelm Kusserow, Berlin-Lichterfelde 1971