Am 12. Juni 1446 wurde die Friedensproklamation von Konstanz im Alten Zürichkrieg verkündet. Bis der Streit zwischen Zürich und der Eidgenossenschaft endgültig beigelegt war, dauerte es aber noch Jahre. Die Zürcher waren die Verlierer des Krieges um das Erbe des letzten Grafen von Toggenburg. Kinderlos und ohne ein Testament zu hinterlassen, verstarb dieser am 30. April 1436 auf der Schattenburg bei Feldkirch: Graf Friedrich VII. von Toggenburg. Dies sorgte für Streit in der Eidgenossenschaft und schließlich zum »Alten Zürichkrieg«, da die Rechtslage nicht geklärt war und jeder seinen Erbanspruch anmeldete.
Einleitung
Die Walliser Züge Berns und die Verbindung Uris und Unterwaldens mit den Walliser Landleuten hatten eine Spannung innerhalb der Eidgenossenschaft hervorgerufen, die mehrmals das Unheil eines inneren Krieges zwischen Eidgenossen heraufzubeschwören schien.
Im Streit um das toggenburgische Erbe von Graf Friedrich VII. fielen die Schranken: Die verschiedenen eidgenössischen Orte erhoben die Waffen gegeneinander. Aus dem lokalen Zwist wurde ein langwieriger Krieg, der die ganze Eidgenossenschaft in Mitleidenschaft zog. Die zusätzliche Einmischung ausländischer Kräfte sorgte dafür, dass das ganze Land im Krieg zu versinken drohte.
Von den eidgenössischen Orten machten vor allem Zürich und Schwyz ihre Ansprüche geltend. In dieser Zeit der Machterweiterung einzelner Orte war für beide Stände besonders das Gebiet vom oberen Zürichsee bis gegen Graubünden hin begehrenswert. Zürich, das in den vergangen Jahren nach Berner Vorbild sein Landgebiet ausgebaut hatte, begehrte den freien Weg nach Graubünden zur Erweiterung und Förderung seines wirtschaftlichen Handels. Schwyz hatte seit den Appenzeller Freiheitskämpfen in der Ostschweiz Fuß gefasst und richtete, in klarer Ablehnung der mailändischen Ausdehnungsbestrebungen seiner Nachbarn, vereint mit Glarus den Blick nach Osten.
Ohnmächtig musste Zürich den Geschehnissen zusehen, wie Schwyz durch einen Waffengang immer mehr Einfluß im Osten gewann. Auch Österreich mischte nun in den Streitereien mit. Zürich verhängte gegen Schwyz und Glarus eine Lebensmittelsperre. Die blockierten Orte klagten bei der Eidgenossenschaft, verschiedene Vermittler versuchten zu schlichten. Vergeblich, denn die Zürcher verwarfen das eidgenössische Recht. Als die Verhandlung als gescheitert angesehen
wurden, blieb nur noch der Krieg übrig.
Erste Kämpfe am Etzel (1439)
Zu Beginn des Jahres 1439 waren die Kräfte Zürichs denen der Schwyzer und Glarner wesentlich überlegen. Während die Stadt Zürich ungefähr 4000 Kämpfer stellte, vermochten die beiden Orte nicht mehr als 2000 Männer aufzubieten. Allerdings besaßen sie noch Leute in der Linthebene, welche aber als einfache Landwehr dienten. Zürich ergriff die Initiative und zog zum Angriff aus, während sich die Schwyzer ganz auf Verteidigung einstellten. Der strategisch wichtigste Punkt der Zürcher Offensive gegen Schwyz und die March war der Hohe Etzel.
Als die Schwyzer unter ihrem Heerführer Reding den Anmarsch der Zürcher vernahmen, besetzten die Schwyzer unverzüglich die Etzelstellung und verschafften sich so eine günstige Position zur Verteidigung. Zürich hatte das Heer in Pfäffikon versammelt und beorderte ein Detachement von 1000 Mann auf den Etzel, um den Schwyzern den Zuzug nach der Linthebene zu versperren.
Die Schwyzer wollten ihre Stellung halten und hofften auf Verstärkung durch die Eidgenossenschaft. An Stelle von Verstärkung kamen dann allerdings nur Boten, um zwischen Zürich und Schwyz zu vermitteln, es wurde eine Kriegsgemeinde gehalten, an der das ganze Kriegsvolk teilnahm. Auf die Wünsche der Eidgenossenschaft eingehend, wollte man auf eine kriegerische Auseinandersetzung verzichten. Allerdings kam es trotz Zusicherung von beiden Seiten, keine Auseinandersetzung zu provozieren, zu einem kleinen Scharmützel, welches eine nur geringe Anzahl von Verlusten brachte. Trotz dieses Scharmützels konnte ein kurzfristiger Waffenstillstand, welcher ein Jahr dauern sollte, durch die Eidgenossenschaft vermittelt werden. Die Zürcher zogen sich wieder nach Pfäffikon zurück. Schwyz und Glarus machten aber keine Anstalten für einen Rückzug. Im Gegenteil, sie marschierten in das mit Zürich verbündete Sargans ein und verpflichteten Sargans zur Bündnisstreue mit der Eidgenossenschaft.
Schwyz greift an (4. November 1440)
Der Einfluß der Eidgenossenschaft hatte den ersten Konflikt geschlichtet. Beide Gegner hofften, dass sich die Eidgenossenschaft auf ihre Seite stellen würde, um so die militärische Oberhand zu gewinnen. Zürich befand sich diesbezüglich im Nachteil, da es das für Schwyz günstige eidgenössische Recht ablehnte. Ein weiteres Problem für die Zürcher war, dass ein Streit zwischen Kriegsbefürwortern und Kriegsgegnern immer mehr eskalierte. Als die Kriegsbefürworter die Oberhand gewannen, wurden die Kriegsgegner kurzerhand festgesetzt. Es war eine Frage der Zeit, bis der Konflikt in eine kriegerische Auseinandersetzung überging.
Am 2. November 1440 erklärte Schwyz Zürich den Krieg. Am 4. November 1440 zog der frühere Bürgermeister von Zürich, Rudolf Stüssi, mit einem starken Heer von 6000 Mann nach Pfäffikon. Dort traf das Zürcher Heer nicht nur auf die Schwyzer und Glarner, sondern auch eine Abordnung aus Uri und Unterwalden stand auf dem Feld, welche den Zürchern ebenfalls den Krieg erklärte. Einen Angriff wagte hingegen keine der beiden Seiten. Daraufhin zog sich Stüssi am nächsten Tag mit dem Zürcher Heer wieder zurück.
Kilchberger Friede (1. Dezember 1440)
Durch Vermittlung des Grafen Hugo von Montfort kam ein Friedensschluß zustande. Die Stadt Zürich öffnete für Schwyz und Glarus wieder ihre Märkte, verzichtete auf alle Rechte in Sargans sowie auf die Landeshoheit in der Johanniterherrschaft Wädenswil und übergab Schwyz die Höfe Pfäffikon, Wollerau und Hurden sowie die Insel Ufenau.
Die übrigen eidgenössischen Eroberungen – darunter Grüningen – fielen an Bern, wobei stillschweigend eine Rückgabe vereinbart wurde, während die Eroberungen der Herren von Raron wieder zurück an Zürich gingen.
Zürich schließt einen Bund mit Österreich (17. Juni 1442). Der Krieg entbrennt erneut.
Am Krönungstag des neuen deutschen Königs Friedrich III. (Herzog Friedrich V. von Steiermark) schloß Zürich in Aachen ein Bündnis mit dem Monarchen. Im ersten Vertrag gab Zürich den größten Teil der Grafschaft Kyburg an Friedrich III. ab. Dieser versprach, Toggenburg und Uznach aufzukaufen und es den Zürchern zurückzugeben.
In einem zweiten Vertrag ging Friedrich III. ein ewiges Bündnis mit Zürich ein, wobei sich die Stadt ihren Bund mit den Eidgenossen »ehrenhalber« vorbehielt. Zugleich ließ Zürich dem Habsburger freie Hand bei der Rückgewinnung des Aargaus.
Empört über den Bund mit Österreich, der den Bestand der Eidgenossenschaft bedrohte, erklärten am 20. Mai 1443 Schwyz und Glarus, wenige Tage später auch die anderen Orte Zürich und Österreich den Krieg. Nach einer Niederlage des zürcherisch-österreichischen Heeres bei Freienbach am 22. Mai 1443 und der Erstürmung der Schanz am Hirzel zwei Tage später durch die Eidgenossen eroberten diese Bremgarten und Baden und errangen am 22. Juli 1443 vor den Toren Zürichs, bei Sankt Jakob an der Sihl, einen entscheidenden Sieg über die Zürcher, die trotz Warnung ihrer österreichischen Führer die Stadt verließen. Rudolf Stüssi und der Zürcher Stadtschreiber Michael Graf fanden dabei den Tod.
Verhandlungen von Baden (22. März 1444)
Am 22. März 1444 begann unter der Beteiligung zahlreichlicher weltlicher und geistlicher Landesherren und vieler süddeutscher Reichstädte der Vermittlungstag in Baden im Aargau. Während die Zürcher auf ihrem freien Bündnisrecht beharrten, forderten die Eidgenossen einen Wiederruf des Vertrags mit Österreich. Von Österreich forderten die sieben Orte im Hinblick auf den 1412 geschlossenen 50jährigen Frieden, auf eine weitere Beteiligung am Krieg zu verzichten. Bis zu einem Friedensschluß sollten die zürcherischen Gebietet durch die Eidgenossen besetzt bleiben. Später wollte man sie wieder herausgeben. Die Zürcher Delegation willigte schließlich ein, das Begehren der Eidgenossenschaft vor Rat und Bürgern zu vertreten. In der Stadt Zürich entbrannte erneut der Kampf zwischen denjenigen, die Frieden wollten, und denen, die für die Fortsetzung des Krieges waren. Dabei kam es zu blutigen Tumulten, die mit dem Sieg der Kriegspartei endeten. Die Führer der Friedenspartei wurden gefangengenommen und teils sogar hingerichtet.
Der Greifenseer Mord (28. Mai 1444)
Nachdem der Waffenstillstand am 23. April 1444 abgelaufen war, gingen die kriegerischen Auseinandersetzungen weiter. Die Eidgenossen gewannen auch das bisher neutrale Appenzell für die Teilnahme am Krieg und begannen am 1. Mai mit der Belagerung der zürcherischen Festung Greifensee. Am 27. Mai ergab sich die 720 Mann starke Besatzung den Belagerern. Auf Mehrheitsbeschluß der Orte Bern, Solothurn, Uri, Unterwalden, Zug und Glarus wurden am 28. Mai auf dem Anger bei Nänikon von den Gefangenen 62 Männer enthauptet. Die Eidgenossen begannen nun, die Stadt Zürich zu belagern, und schlossen diese am 24. Juni vollständig ein. Unter der Leitung Rechbergs konnte jedoch die Stadt der Belagerung standhalten.
Frankreich greift in den Konflikt ein (Juni 1444)
Auf Drängen der österreichischen Anhängerschaft im Breisgau, Sundgau und Schwarzwald, die sich durch die wachsende Macht Basels beeinträchtigt sah, hatte der deutsche König Fridrich III. bereits im August 1443 den französischen König Karl VII. um Hilfe ersucht. Dieser sendete unter der Heerführung des Kronprinzen Ludwig (des späteren Königs Ludwig XI.) ein 30 000 bis 40 000 Mann starkes Heer in Richtung Basel.
Es sind die Armagnaken, benannt nach ihrem ersten Führer Graf Bernhard von Armagnac, eine Söldnertruppe, die sich bereits bei einem Vorstoß im Elsaß 1439 den Ruf einer Räuber-Soldateska erworben hatte. Mit Basel wollte Karl VII. ein Faustpfand in seine Hand bringen, um auf Kosten der deutschen Fürsten die Grenze Frankreichs zum Rhein hin zu verschieben.
Als die Verteidiger von Zürich die Nachricht vom Vorrücken der Franzosen erhielten, überfielen Stadthauptmann Rechberg und Freiherr Thomas von Falkenstein Brugg im Aargau, um den Armagnaken den wichtigen Aareübergang freizuhalten. Jedoch zwang sie das Erscheinen der Eidgenossen zur Flucht auf die Farnsburg, wo sie von 2000 Mann belagert wurden.
Die Schlacht von Sankt Jakob/Birs – Basel (28. August 1444)
Am 23. August 1444 erschien die erste Vorhut der Armagnaken vor Basel und besetzte die an der Birs liegenden Dörfer. Am Abend des 25. Augusts wurden aus dem Feldlager vor der Farnsburg rund 700 Mann zu einem Streifzug an die Birs ausgesendet. Diese erhielten Zuzug von 600 Mann aus dem Lager der Zürcher und 200 Mann aus der Balser Landschaft.
Am Morgen des 26. August traf die 1500 Starke Schar bei Pratteln auf eine feindliche Vorhut. Diese wurde schnell geschlagen. Im Übermut des „Sieges“ stürmte das kleine Heer über den Fluß vor und stieß dabei auf die Hauptmacht der Franzosen. Nach vierstündigem Kampf mussten sie allerdings den Rückzug auf das Siechenhaus von Sankt Jakob antreten und zur Verteidigung übergehen.
Nachdem ein Entsatzversuch von 3000 Baslern unter der Führung von Bürgermeister Hans Roth angesichts der feindlichen Übermacht abgebrochen worden war, dauerte der ungleiche Kampf im brennenden Siechenhaus noch bis etwa sechs Uhr abends weiter. Die Mehrzahl der Eidgenossen kam dabei ums Leben. Die Verluste der Armagnaken, die den Sieg neben ihrer Übermacht vor allem dem Einsatz ihrer schweren Geschütze verdankten, werden auf etwa 2000 Mann geschätzt.
Ende Oktober 1444 brach entgegen allen Erwartungen der französische Thronfolger die Belagerung Basels ab und zog den Rhein abwärts. Er unterzeichnete in Ensisheim einen Friedens- und Freundschaftsvertrag mit Basel, Solothurn und den sieben Orten der Eidgenossenschaft.
Nach dem Abzug der Franzosen ging der Alte Zürichkrieg weiter und in zahlreiche kleine Raubzüge über. Nach einem Aufruf König Friedrichs III. an die Reichsfürsten zum Kampf gegen die Eidgenossen griffen zahlreiche süddeutsche Grafen, Ritter und Herren in den Krieg ein. Der Kriegsschauplatz erstreckte sich über das ganze linksrheinische Gebiet vom Bodensee bis zum Jura. Am 11. Juni 1445 besiegten die Appenzeller ein österreichisches Heer an der Wolfhalde.
In der letzten Schlacht des Krieges, die am 6. März 1446 bei Ragaz stattfand, behaupteten sich 1100 Innerschweizer, Toggenburger und Appenzeller gegen 4000 Mann unter Führung Rechbergs, der das Sarganserland besetzen wollte.
Frieden
Drei Monate später, am 12. Juni 1446, läuteten, unter der Friedensproklamation von Konstanz, die Friedensglocken. Nachdem über die territorialen Fragen Einigkeit herrschte – die Erwerbungen von Schwyz und Glarus aus dem Toggenburger Erbe wurden für rechtmäßig erklärt -, konnten die Verhandlung Schritt für Schritt weitergeführt werden. Die Stadt Zürich erhielt alle ihre Territorien zurück, mit den Ausnahmen der Höfe Pfäffikon, Wollerau, Hurden und Ufenau. Die Verhandlungen zogen sich allerdings noch über Jahre hin. Dabei machte sich der Kurfürst Ludwig von der Pfalz verdient, besonders in bezug auf die Abklärung des Verhältnisses von Zürich zu Österreich.
Am 13. Juli 1450 erklärte der zum Schiedsrichter bestellte Berner Schultheiß Heinrich von Bubenberg das Bündnis Zürichs mit Österreich für nichtig. Nebst Zürich, das auf die Kontrolle der Handelsstraßen nach Chur verzichten musste, war Österreich, das auf alle an die Eidgenossen verlorenen Rechte und Gebiete verzichtete, der Hauptverlierer dieses Krieges. Die Schwyzer, die sich die obere March, die Höfe am Zürichsee und den Ausgang in die Linthebene sicherten, gingen als Sieger aus diesem Krieg heraus.
Quellen und Literaturangaben:
– Schweizer Kriegsgeschichte, Band 1, Heft 2, Bern 1935.
– Schweizer Geschichte, Peter Dürrenmatt, Zürich 1963.
– Autorenkollektiv, Chronik der Schweiz, Zürich 1987.