„Helena ist nicht blond genug: Musks Kulturkampf um Nolans „Odysee““, so oder so ähnlich titelten kürzlich etliche Schweizer Tageszeitungen, vom St. Galler Tagblatt bis hin zur Online-Postille Watson[1]. Autor des Artikels, der Kriegsberichterstatter vom Ida quasi, ist Thomas Studer. Stein des Anstosses für Musk war, dass der vielgepriesene Regisseur Christopher Nolan, bei seiner im Sommer ins Kino kommenden Verfilmung der Odyssee, die Rolle der schönen Helena angeblich mit Lupita Nyong’o besetzt habe. Nyong’o gewann für die Darstellung einer Sklavin in 12 Years a Slave 2014 einen Oskar für die beste Nebendarstellerin. Die Preisträgerin ist schwarz und für eine akkurate Besetzung einer bronzezeitlichen Griechin, unabhängig ihrer schauspielerischen Fähigkeiten und Meriten, für jeden eine komplette Fehlbesetzung, der nicht in einer linken Blase lebt oder etwas auf eine halbwegs angemessene Verfilmung des mythologischen Stoffes gibt. Jeder wisse, dass Helena weiss und blond gewesen sei, so Musk. Natürlich, es gibt künstlerische Freiheit. Nolan hätte die Achaier, von Ajax bis Odysseus, auch alle durch Hanchinesen darstellen lassen können. Und den König von Ithaka nach seinem Sieg über die Trojaner auf seiner Irrfahrt Sirenen begegnen lassen können, die sich ausnehmen wie HR. Gigers Alien etc. pp. Selbstverständlich dürfte sich Nolan diese künstlerische Freiheit rausnehmen – selbstverständlich dürfte aber auch jeder seiner Kritiker dies als einen ausgemachten Schwachsinn bezeichnen, ohne sich mit seiner Kritik zum Paria zu machen, der sich ausserhalb der satisfaktionsfähigen anständigen Gesellschaft befindet.
So ist es aber nicht. „Zunächst scheint hinter dem Argument derselbe essenzialistische Gedanke zu stecken, mit dem vor ein paar Jahren linke Kulturkämpfer für Schlagzeilen sorgten“, so Studer. Diese hätten gefordert, dass nur Schwule Schwule darstellen sollen und dass schwarze Personen von Schwarzen gespielt werden müssten. Manche Forderungen seien sinnvoll gewesen, denn, so Studer weiter, es gäbe für einen Weissen wenig gute Gründe, eine spezifisch schwarze Rolle zu spielen. Weniger nachvollziehbar sei hingegen die Kritik, Heterosexuelle dürften keine Homosexuellen spielen, denn bei der Schauspielerei gehe es doch gerade darum, seine eigene Identität zu wandeln. Soweit kann man dem Autor folgen, man stelle sich vor, die Rolle des Hannibal Lecter hätte nach woken Prinzipien besetzt werden müssen… Jetzt folgt im Artikel aber quasi der Plot-Twist; Homer habe Helenas Äusseres gar nicht beschrieben. Dass sie „weissarmig“ gewesen sei, zeuge nur davon, dass sie nicht an der Sonne habe arbeiten müssen. Von ihrer Hautfarbe sei nichts zu lesen und somit sei Musks Einwand nicht der eines Homer-Puristen sondern „schlichter Rassismus“. Schachmatt, Elon! Du bist enttarnt. Schliesslich weiss jeder, dass Rassismus nicht nur etwas für Dummköpfe und moralisch inferiore Charaktere ist, nein, es ist sogar eine strafrechtlich verfolgbare Einstellung.
Ins gleiche Horn stösst auch der Spiegel mit einem Artikel von Anfang Februar[2]. Eine Beschreibung der schönen Helena sei von Homer vermieden worden, „ein Adjektiv wie »weißarmig« verwies eher auf ihre aristokratische Herkunft“ so das Sturmgeschütz der Demokratie. Bei dieser Auslegung von „weissarmig“ handelt es sich aber nicht einmal um einen semantischen Taschenspielertrick, sondern es ist schlicht hanebüchener Unsinn, behaupten zu wollen, dass „weissarmig“ nicht auf weisse Haut verweise. Als ob die Wendung aus einem farbenlosen Vakuum heraus zur Metapher für „adlig“ wurde. Ein Trick würde ja noch eine gewisse Finesse voraussetzen, hier haben wir es aber mit einem plumpen Täuschungsversuch zu tun. Was ist denn der ‚unbesonnte‘ Phänotyp der schönen Helena, oder allgemein adliger antiker Griechen, wenn ihre Arme braun oder dunkel werden, wenn sie sich der Sonne aussetzen? Schwarz? Oder anders gefragt, wie lange muss eine schwarze Person sich im Haus aufhalten, um weissarmig zu werden? Und mit wem ist dann wohl ihre Rolle treffender besetzt, mit Diane Kruger wie 2004 in Wolfgang Petersens Troja, oder mit Lupita Nyong’o in Christopher Nolans Odyssee? Die Frage stellen heisst sie beantworten.
Der Spiegel ist jedoch auch der Meinung, Musks „Angriff“ auf Nolan und Nyong’o sei rein „rassistisch motiviert“, schliesslich sei Musk bisher nicht als Altphilologe in Erscheinung getreten und auch Odysseus (gespielt von Matt Damon) und Penelope (Anne Hathaway) dürften, sofern es sie denn gegeben habe, nicht wie weisse US-Amerikaner ausgesehen haben. Aber warum eigentlich? In der Verfilmung Troya von 2004 spielte Brad Pitt den Achilles. Dieser wird im ersten Gesang der Illias von Athene an seinem „Blondschopf“ ergriffen. Aber nicht nur der Pelide, auch Menelaos ist gemäss Homer blond. Kurt Steinmann, seines Zeichens Altphilologe, schreibt im Kommentar zu seiner Illiasübersetzung (S.507), die Haarfarbe blond habe bei den Griechen als besonders schön gegolten. Im Übrigen beschränkt sich der Beschrieb der Bewohner des bronzezeitlichen Griechenlands mit eher Mittel- bis nordeuropäischem Phänotyp in der Illias nicht auf Menschen, auch die Göttin Athene hat gemäss Homer helle Augen, wie wir im vierten Gesang der Illias erfahren. Wir resümieren; die Griechen sind ein europäisches Volk, Helena wird als „weissarmig“ beschrieben, als die schönste Frau ihrer Zeit und die Haarfarbe blond galt bei den alten Griechen als besonders schön (da vielleicht auch nicht allzu häufig vorkommend). „Schrecklich gleicht sie unsterblichen Göttinnen wahrlich im Aussehen!“, wie in Kurt Steinmanns Illias Übersetzung zu lesen ist. Diese Göttinnen werden bisweilen als helläugig beschrieben. Zeus ist Helenas Vater, in keiner dem Autor bekannten antiken Plastik hat der Göttervater negride Gesichtszüge, aber die Kritik am Casting der schönen Helena mit einer Schwarzafrikanerin habe nichts mit Kenntnis griechischer Mythologie oder Geschichte zu tun, sondern sei nur tumber Rassismus, wissen Journalisten zu melden. Eine solche Dreistigkeit ist kaum zu überbieten und bedarf einer gehörigen Portion Chuzpe. Musk – den wir hier im Übrigen nicht einfach zu verteidigen zu gedenken, es gäbe genug berechtigte Kritik an dem Herrn – als Trottel darzustellen, der den griechischen Stoff nicht kenne, schlägt fehl. Man kann sowohl anhand des Textes als auch rein deduktiv zum Schluss kommen, dass es akkurat ist, sich Helena als weiss und blond zu denken, auch wenn ihre Haarfarbe in Homers Epen nicht beschrieben wird. Man könnte meinen, Musks Kritiker stützten sich in ihrem Wissen selbst nur auf die Suchergebnisse bei ChatGPT: „Wird Helenas Haarfarbe in Homers Epen beschrieben?“ Antwort: „Nein!“ Fazit: „Musk ist ein Rassist.“
In der heutigen Zeit muss das Selbstverständliche immer wieder wiederholt werden. Das hätten wir hiermit getan und wiederholen es gerne noch einmal: die Rolle der Helena mit einer Schwarzen zu besetzen wird dem Stoff nicht gerecht. Es stellt sich nun aber die Frage, warum so etwas gemacht wird? Natürlich kennen wir Christopher Nolans Motivation nicht. Vielleicht hat er eine persönliche Vorliebe für schwarze Frauen und Nyong’o ist für ihn persönlich deshalb die perfekte Besetzung. Vielleicht verlangte Co-Produzent Universal, dass der Cast multikulturell ist. Tönt absurd? Ist es nicht. Um in Hollywood noch einen Oscar für den besten Film einheimsen zu können, wurde 2025 die Regel aufgestellt, dass der Hauptdarsteller oder ein wichtiger Nebendarsteller einer Minderheit angehören muss, sprich; nicht weiss sein darf. Ist dies nicht der Fall, müssen 30% der Statisten farbig sein, ist dies wiederum nicht der Fall, muss die Vielfalt bei den Leuten hinter der Kamera kompensiert werden, bspw., so könnte man vorschlagen, durch schwarze Kameramänner, asiatische Maskenbildnerinnen oder eine Marketingteam bestehend aus Eskimos.[3] Dass weisse Charaktere durch Nichtweisse besetzt werden, ist mittlerweile schon bald Standard. Nicht nur in der Verfilmung europäischer Mythen. Generell werden in Historienverfilmungen je länger je mehr insbesondere Schwarze eingesetzt, wo Ihr Erscheinen absolut keinen Sinn macht. Insbesondere Netflix steht Hollywood hier in gar nichts nach. Da wandeln und kämpfen schwarze Wikinger, negroide Asengötter und subsaharische Angelsachsen ohne ersichtlichen Grund über die Leinwand, während bspw. Anfang der 90er das Erscheinen eines Mauren im mittelalterlichen England an der Seite von Robin Hood immerhin noch mit der Geschichte erklärt werden musste. Der Maure, gespielt von Morgan Freeman, folgte Robin Hood auf seinem Heimweg aus der Levante, wo er auf dem dritten Kreuzzug in Gefangenschaft geriet. In den 2020er Jahren kommt einem Macbeth in Gestalt von Denzel Washington entgegen – kommentarlos. Nicht nur während des Filmes ist Multikulturalismus das Gebot der Stunde auf der Kinoleinwand, auch in der Pausenwerbung darf bunte Vielfalt nicht fehlen. In Modemagazinen überschreitet die Anwesenheit farbiger Models diejenige von farbigen Leuten im Land teilweise, gefühlt, um den Faktor 100. Dass sich dahinter nicht nur eine Laune verbirgt, zeigen die Vorgaben Hollywoods. Das Ganze hat System. In Indien hat man derweil das umgekehrte Problem. Dort werden Hauptrollen fast nur mit Hellhäutigen besetzt. Hellhäutigen Indern, notabene! Das sei problematisch, wie in der NZZ[4] zu lesen ist: „Schliesslich prägen Werbung und Film die gesellschaftliche Vorstellung von Schönheit“. Und warum sollte für den Westen nicht gelten, was für Indien gilt? Wir sollen neue Vorstellungen von Schönheit entwickeln, eine neue Vorstellung davon, wie unsere Heimatländer ethnisch zusammengesetzt sind. Von Werbefirmen wird dies betont, in Umfragen bestätigt. Multirassische Werbung soll nicht nur für das Produkt werben, sondern auch für die Akzeptanz einer sich verändernden Gesellschaft.[5] Wir sollen daran gewöhnt werden, zur Minderheit in unseren eigenen angestammten Ländern zu werden. Vor diesem Hintergrund ist es ganz sicher kein Zufall, wenn die schönste Frau der Antike, Objekt der Begierde im ersten abendländischen Epos, von einer Schwarzen dargestellt wird (sollte es dann tatsächlich so sein). Auf alle Fälle liegt dies völlig im Bereich des Möglichen und Kritik daran ist völlig berechtigt und fundiert. Auch wenn uns Journalisten anderes erzählen wollen. Denn man bemerkt die Absicht und ist verstimmt. Der Autor des eingangs zitierten Artikels, Thomas Studer, meint, man könnte Kulturkämpfe verhindern, wenn man die zu verfilmenden Werke nur einer genauen Lektüre unterziehen würde. Damit täuscht er eine neutrale Rolle vor, die er nicht einnimmt. Denn weder eine genaue Lektüre der homerischen Epen, noch Kenntnisse über die Zeit lassen eine afrikanische Helena zu, wenn man denn werktreu unterwegs sein will. Genau diese Kritik bezeichnet er aber als „offen rassistisch“, als moralisch verwerflich also, was im Endeffekt dem Versuch gleichkommt, diese Kritik zu unterbinden. Verwerflich ist aber nicht das aussprechen von Tatsachen, verwerflich ist viel mehr der cineastische Missbrauch unserer Geschichte und Mythen für plumpe politische Propaganda. Da hilft nur eines; wenn die Mattscheibe schwarz bleibt.
[1] https://www.watson.ch/international/populaerkultur/808880134-wegen-film-odyssee-elon-musk-ist-haessig-auf-christopher-nolan#discussion_808880134
[2] https://www.spiegel.de/kultur/lupita-nyongo-in-christopher-nolans-die-odyssee-kuenstlicher-kulturkampf-um-helena-a-34a52ff3-15c1-4f24-8020-62fd23edc15b
[3] https://www.oscars.org/news/academy-establishes-representation-and-inclusion-standards-oscarsr-eligibility
[4] „Braun verkauft sich nicht“: In Indien hält sich hartnäckig die Präferenz für helle Haut. Neue Zürcher Zeitung, 12.01.2026
[5] https://www.screenforce.de/studie/die-macht-der-werbung-wie-diversitaet-vorurteile-abbaut